ItalianoHrvatskiEnglishFrançaisDeutchEspañolPortuguesePo PolskuSlovakia     

 

pointerHome 

Schwester Elvira - Zeugnis

Schwester Elvira
Das Zeugnis in der Basilika S.Giovanni in der Laterankirche
am o4. April 2008 in Rom

Wenn unsere Jugendliche über die Gemeinschaft sprechen, dann beginnen sie bei ihrem Leben: ein Weg aus der Dunkelheit ins Licht. Und auch ich will es so machen.
Ich möchte damit beginnen, euch von der göttlichen Barmherzigkeit in meiner Familie zu erzählen. Als ich klein war, wurde mein Vater in den 40er Jahren während des Zweiten Weltkrieges in die Armee einberufen. Wir lebten in Süditalien, aber er wurde nach Norditalien, nach Piemont versetzt. Wir wussten nicht einmal, wo Piemont lag. Auf jeden Fall sagte mein Vater zu meiner Mutter, dass wir alle zusammen hingehen werden. Wir waren 7 Kinder, die Hunger hatten, froren und alles entbehren mussten, was Kinder normalerweise brauchen. Aber wir hatten eine starke Mama, die fähig war, die Last aller zu tragen.
Aber warum erzähle ich ihnen das? Mein Leben zeigt mir rückblickend betrachtet, dass die Barmherzigkeit Gottes sehr großzügig war. Irgendwann kam raus, dass mein Vater ein Alkoholiker war. Wir wussten nichts davon, weil wir noch Kinder waren, aber wir sahen unseren Vater verändert, nervös und wütend. Meine Brüder haben ihn dafür viele Jahre verurteilt. „Was für einen Vater hatten wir und was für eine Familie!“ Sie schämten sich. Heute sage ich ihnen durch das Licht Gottes, dem ich begegnet bin:„Ihr schämt euch für unseren Vater, warum habt ihr diese tiefen Wunden nicht geheilt, wo wir doch den Glauben im Herzen tragen.“
Nach einer gewissen Zeit auf meinem Glaubensweg habe ich begriffen, dass die Barmherzigkeit Gottes damals schon gegenwärtig war und dass der Heilige Geist meinen Vater und meine Mutter mit Kraft und Demut führte. Wir erlebten viele Demütigungen und viel Ablehnung. Keiner wollte uns, weil wir aus dem Süden kamen. Sie gaben uns ein Haus, eher einen Hühnerstall und wollten nichts von uns wissen, da wir zu viele Kinder waren! Aber heute sehe ich diese Geschichte mit anderen Augen, da ich dem Herrn begegnet bin und fordere die Jugendlichen auf, sich nicht für ihre Lebensgeschichte zu schämen, Jede Geschichte wird von der Barmherzigkeit Gottes getragen und wandelt sie in Liebe um. Heute sind diese Verletzungen für mich zu offenen Türen und Fenstern geworden, durch die ich allen Barmherzigkeit, Liebe, Gerechtigkeit und viel von mir selbst geben kann. Wenn man die Barmherzigkeit im eigenen Leben lebt, dann wird sie ein Teil von einem selbst. Heute habe ich begriffen, wie gütig der Herr zu mir war, da er mich bereits als Kind auf das Leben vorbereitete, das ich später einmal leben werde...

Ich war verlobt, hatte einen Freund, der mich gern hatte, aber an einem bestimmten Punkt habe ich gesagt: „Das ganze Leben nur mit ihm…nein, das kann ich nicht.“ Ich spürte, dass mein Herz für eine größere Hingabe ausgelegt war und daher wäre es mir in der Ehe zu eng geworden.

Wir planten bereits 15-20 Kinder, aber das war mir zu wenig. 20 Kinder und dann? Und dann? Und dann erreichte mich die Barmherzigkeit genau hier in der Armut und durch viele Demütigungen.
Es war die Barmherzigkeit, die mich mein Fleisch, meine Gefühle und meine Liebe aufgeben ließ. Heute bin ich hier mit einer Gruppe von Jugendlichen. Wir haben viele Häuser für die Jugendlichen und sie kommen aus der ganzen Welt, wohl wissend, dass wir eine sehr anspruchsvolle Gemeinschaft sind. Unsere Liebe ist bedingungslos, aber anspruchsvoll. Sie müssen spüren, dass wir ihnen vertrauen trotz ihrer Schwächen und Fehler. Sie hatten keine Jugend mehr, sie waren erschöpft. Ich glaube, dass sie ein Recht darauf haben, nicht mit irgendwelchen „Süßigkeiten“ abgespeist zu werden, sondern echte Hilfe zu bekommen, die sie erzieht. Als die ersten ankamen, lehrten wir ihnen als erstes das Gebet, denn alles andere, wäre Täuschung gewesen. Jedes Mal, wenn wir ein neues Haus aufmachen und ich die Bischöfe kniend um die Erlaubnis für das Allerheiligste bitte, sagen sie zum Glück immer Ja. Unsere Kapellen haben keine Bänke, weil wir uns vor Jesus auf den Boden knien, wo sich unsere Jugendlichen mit den Gebetsstunden abwechseln und sind dabei glücklich. Wir haben nichts und doch haben wir alles! Wir haben das Geld des Staates abgelehnt und vertrauen auf die Liebe Gottes und auf die unserer Mitmenschen. Uns fehlt es an nichts, weil alles zur Vorsehung wird und wir staunen immer wieder über sie und über die Menschen, die zu uns kommen. So kommt es vor, dass die Jungs zum Beispiel eine gute Pasta machen wollen, haben aber keine Tomaten und eine viertel Stunde vor dem Essen kommt eine Frau mit ihrem Ehemann und laden einige Kisten Tomaten ab. Und so haben wir alles! In den 25 Jahren mit den Jugendlichen bin ich nie einkaufen gegangen. Wenn wir etwas nicht haben, dann haben wir es eben nicht: das macht auch nichts, so können wir lernen, dass uns nicht die materiellen Dinge glücklich machen, sondern die Freundschaften und der innere Friede…
Jetzt bin ich fertig: ich habe mit meiner Geschichte begonnen, als ich klein war und möchte gern, dass wir, wenn wir traurig sind und unseren Vater oder unsere Mutter noch nicht umarmt haben, wie ich es immer unseren Jugendlichen sage, lernen, ihnen zu vergeben, weil sie viel mehr gelitten haben, als sie klein waren.

Nach einer gewissen Zeit gehen unsere Jugendlichen für ein paar Tage nach Hause, was wir „verifica“ nennen. Vorher ich sage ihnen: „Wenn du deinen Vater von weitem siehst, lauf ihm entgegen und umarme ihn. Während du ihn umarmst, zähle bis 7 ohne ihn loszulassen.“ Und du wirst sehen, dass dein Vater zu weinen anfängt. Und ihr werdet beide weinen! Wir können nicht mehr nur sagen „ Hallo Papa!“ und weggehen. Mach einen Augenblick halt! Weil dein Vater muss sich daran erinnern, dass er dich nicht anschaute und nicht mit dir sprach, als du klein warst. Nach einer gewissen Zeit, wenn das Kind seinen Vater umarmt, wird der Vater, der eigentlich „verlorene Sohn“ ist, wieder zum Vater. Diese Jugendlichen sind heute voller Liebe, Gebet und Verständnis…sie können heute keine Geste mehr tun, die nicht aus dem Herzen kommt. Wenn sie von der „verifica“ zurückkommen, sagen sie mir: „Elvira, als ich meinen Vater sah, sagte ich mir, wenn ich jetzt nicht loslaufe, dann tue ich es überhaupt nicht mehr!“ Wenn sie dann losrannten, haben sie ihn solange umarmt, bis sie beide weinten. Wir müssen demütiger sein und der Liebe gegenüber offener. Die Liebe ist Leben, Sicherheit, Demut und Hunger. Du empfängst sie, aber dann musst du sie auch an die anderen weitergeben. Gott ist die Liebe und wir haben uns für ihn entschieden. Besser gesagt, er hat sich für uns entschieden und wir sind sehr glücklich, ihm begegnet zu sein!
Wie ist das möglich mit vielen Jugendlichen zu leben, die so viele schlechte Erfahrungen gemacht haben? Das Wie ist immer schwierig, aber es gibt jemanden, der dir das von innen her lehrt. Jede Minute ist eine Neuheit, so ist das auch mit unseren Jugendlichen. Und wie funktioniert das, sie zurechtzuweisen, zu lieben, zu umarmen, sie zu bestrafen, mit ihnen zu lachen und spielen? Das sind alles Augenblicke der Liebe. Aber ich möchte noch einmal daran erinnern, was ich über meine Kindheit sagte. Ich hatte eine heilige und anspruchsvolle Mutter. Ich erinnere mich in besonderer Weise an ein Gebet, das sie uns jeden Tag wiederholte: „Heiliges Herz Gottes, verlass uns nicht!“ Sie sagte das immer in unserem südländischen Dialekt.
Mein Vater verlor oft seinen Arbeitsplatz, weil er nicht immer hinging, aber sie sagte nicht: „Herr, lass uns eine Arbeitsstelle für meinen Mann finden, schick uns etwas!“ Nein, sie liebte das Kreuz und umarmte es. Daher schlug ich den Jugendlichen vor, dem Kreuz Jesu, dem Gekreuzigten zu begegnen…

Und wie habe ich das gemacht mit den Jungs zu leben? Es war nicht ich, die mit ihnen lebte, sondern es war die Barmherzigkeit: es war das Antlitz des Vaters, der die Barmherzigkeit neben dem Leid aufblühen ließ. Sie kommen ohne Würde, ohne Hoffnung und wortlos bei uns an. Sie kommen und vertrauen. Ich habe keine Ahnung, wie sie es machen, aber sie vertrauen. Das ist ein Wunder, auch für mich! Wir bieten ihnen das Gebet und den Glauben als Weg an und leben das auch mit ihnen. Die Jugend von heute braucht nicht viele Worte, sondern das Leben. Die Jugendlichen nehmen die Dinge nicht mehr mit den Ohren auf, sondern mit den Augen. Sie verstehen mit den Augen, da sie schauen und beobachten, ob wir selber das tun, was wir von ihnen verlangen. Es ist ganz wichtig, selber ein echtes Vorbild zu sein.

Zu Beginn der Gemeinschaft schliefen wir auf dem Boden, weil in dem Haus, das man uns gab, nichts drin war und es sehr heruntergekommen war. Aber ich habe mir deswegen nie Sorgen gemacht, denn es gab mehr! Wenn wir nichts mehr haben, dann haben wir mehr! Weil es mehr Solidarität, Liebe und Wärme gibt, manchmal auch Tränen, aber das macht nichts. Das Leben läuft genau so. Es beinhaltet Höhen und Tiefen, Mut und Angst, Stärken und Schwächen und wir geben das Leben weiter wie es ist, auch durch unser eigenes Leben. Heute muss ich der Mutter Gottes wirklich danken, dass sie nach einigen Jahren Priester, Seminaristen und Schwestern schickte, die schon in allen Teilen auf Mission sind. All das konnte ich mir nicht vorstellen, aber Gott gab uns viel, gerade weil wir nichts verlangten. Er gab uns alles, damit wir unseren Mitmenschen alles weitergeben können. Danke für ihre Aufmerksamkeit!

Kardinal Schönborn: „Ich fragte Schwester Elvira einmal, wie funktioniert das, das Kreuz umarmen? Sie gab mir spontan zur Antwort: Das heißt, den Gekreuzigten zu umarmen“.

Schwester Elvira: „Das ist wahr. Ich schlug den Jugendlichen nicht das Kreuz vor, sondern sagte zu ihnen: „Umarmen wir den Gekreuzigten und indem wir ihn umarmen, werden wir stark, unser Kreuz zu tragen. Umarmen wir ihn auch wenn wir die Nägel spüren. Das Kreuz ohne Jesus ist ehrlos. Wir umarmen den Heiland, der uns rettete, indem er jenes siegreiche Kreuz trug.“

Print this pagePrint this page